Sturzprävention im Alter: Risiken erkennen und Stürze vermeiden
Ein Sturz ist nicht einfach eine unvermeidliche Folge des Älterwerdens. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen – zum Beispiel nachlassendes Gleichgewicht, ungeeignete Schuhe, eine Stolperfalle in der Wohnung, Sehprobleme, Kreislaufbeschwerden oder Medikamente. Viele dieser Faktoren lassen sich nicht mit einer einzelnen Maßnahme lösen, aber gemeinsam und passend zur persönlichen Situation angehen.World guidelines for falls prevention and management for older adults
Dieser Beitrag erklärt, welche Schritte bei der Sturzprävention im Alter besonders wichtig sind, wann eine hausärztliche Einschätzung sinnvoll ist und in welchen Situationen Sie nicht abwarten sollten.
Die kurze Antwort: Sturzrisiko hat meist mehrere Ursachen
Stürze entstehen selten nur durch einen Grund. Deshalb empfehlen aktuelle Leitlinien, das persönliche Risiko nicht auf ein einzelnes Symptom oder einen einzelnen Test zu reduzieren. Nach einem Sturz oder bei erhöhtem Risiko können unter anderem Gang und Gleichgewicht, frühere Stürze, Medikamente, Sehvermögen, Kreislauf, Füße und Schuhe sowie das Wohnumfeld eine Rolle spielen.NICE: Falls – assessment and prevention
Wichtig ist: Nicht jede Maßnahme passt für jede Person. Ein strukturierter Blick auf die eigene Situation hilft dabei, sinnvolle nächste Schritte zu finden, statt pauschal etwas zu verändern.
Bewegung: Gleichgewicht und Kraft gezielt trainieren
Bewegung ist ein zentraler Baustein der Sturzprävention. Besonders gut untersucht sind Programme, die Gleichgewicht und alltagsnahe Bewegungen gezielt trainieren und schrittweise angepasst werden. Die internationale Leitlinie empfiehlt für zuhause lebende ältere Menschen individuell abgestimmte, fortschreitende Programme mit Gleichgewichts- und funktionellen Übungen.World guidelines for falls prevention and management for older adults
Eine große Cochrane-Übersicht mit 108 Studien und 23.407 Teilnehmenden zeigte, dass Trainingsprogramme die Sturzrate bei zuhause lebenden älteren Menschen im Mittel um etwa 23 Prozent senken konnten. Das ist ein Durchschnittswert aus Studien – keine Garantie für den einzelnen Menschen.Cochrane: Exercise for preventing falls in older people living in the community
Welche Übungen geeignet sind und wie intensiv sie sein sollten, hängt unter anderem von Mobilität, Vorerkrankungen und bisherigen Stürzen ab. Beginnen Sie kein anspruchsvolles Übungsprogramm auf eigene Faust, wenn Sie kürzlich gestürzt sind, starke Unsicherheit beim Gehen haben oder relevante Beschwerden bestehen. Dann ist es sinnvoll, das Vorgehen zunächst ärztlich oder therapeutisch einzuordnen.
Medikamente: Nichts selbst absetzen oder verändern
Manche Arzneimittel können bei einzelnen Menschen zum Sturzrisiko beitragen, etwa wenn sie Müdigkeit, Schwindel oder Blutdruckabfälle begünstigen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Medikamente eigenständig abgesetzt oder die Dosis verändert werden sollte.
Nach einem Sturz oder bei erhöhtem Risiko kann ein strukturierter Medikationscheck sinnvoll sein. Dabei wird die gesamte Medikamentenliste im Zusammenhang mit Beschwerden, Vorerkrankungen und anderen Risikofaktoren betrachtet. Änderungen erfolgen nur nach Rücksprache mit der behandelnden Praxis.NICE: Falls – assessment and prevention
Das Zuhause sicherer machen: Stolperfallen erkennen
Ein sicheres Wohnumfeld kann ein wichtiger Teil der Prävention sein. Hilfreich ist es, die eigenen Laufwege bewusst anzuschauen – besonders dort, wo man nachts oder mit vollen Händen unterwegs ist.
Achten Sie zum Beispiel auf:
- gute, blendungsarme Beleuchtung in Flur, Treppenhaus und Bad,
- freie Wege ohne lose Kabel, kleine Teppiche oder abgestellte Gegenstände,
- rutschfeste, gut sitzende Schuhe oder Hausschuhe,
- häufig benötigte Dinge in gut erreichbarer Höhe,
- sichere Handläufe und feste Haltemöglichkeiten, wo sie individuell sinnvoll sind.
Auch Sehen, Fußprobleme oder Kreislaufbeschwerden können das sichere Gehen beeinflussen. Wenn Ihnen Veränderungen auffallen, sprechen Sie diese bei einem Termin an. Eine einzelne Anpassung verhindert nicht jeden Sturz, kann aber Teil eines persönlichen Gesamtkonzepts sein.NICE: Falls – assessment and prevention
Was Sie nach einem Sturz tun können
Wenn Sie gestürzt sind und keine akuten Warnzeichen bestehen, versuchen Sie zunächst ruhig einzuschätzen, ob Sie Schmerzen haben, sich sicher bewegen können und Hilfe benötigen. Informieren Sie eine vertraute Person, wenn Sie allein sind. Ein Sturz sollte ärztlich besprochen werden, besonders wenn er ohne klaren Anlass passiert ist, sich wiederholt oder Sie sich danach unsicher fühlen.
Nach einem Kopfaufprall sollten Sie besonders dann nicht abwarten, wenn Sie gerinnungshemmende beziehungsweise blutverdünnende Medikamente einnehmen. Organisieren Sie in diesem Fall sofort eine ärztliche oder notfallmedizinische Abklärung – auch wenn zunächst keine ausgeprägten Beschwerden bestehen.
Nicht abwarten sollten Sie außerdem bei möglichem Bewusstseinsverlust, starken Schmerzen, neuer Schwäche oder Lähmung, akuter Atemnot, Brustschmerz oder wenn Sie nicht selbst aufstehen können. Organisieren Sie dann sofort medizinische Hilfe nach der örtlichen Notfallstruktur.
Schritt für Schritt zu mehr Sicherheit
Sturzprävention muss nicht bedeuten, den Alltag einzuschränken. Sinnvoll ist oft ein schrittweises Vorgehen:
- Beobachten Sie, wann und wo Unsicherheit oder Beinahe-Stürze auftreten.
- Sprechen Sie einen Sturz, Schwindel oder Gangunsicherheit bei einem Termin an.
- Verändern Sie Medikamente nicht eigenständig.
- Prüfen Sie Laufwege, Beleuchtung und Schuhwerk in Ihrem Alltag.
- Lassen Sie sich bei der Auswahl eines passenden Bewegungsangebots individuell beraten.
Termin zur Risikoeinordnung vereinbaren
Wer gestürzt ist, sich beim Gehen unsicher fühlt oder eine Medikamenten- und Risikoeinordnung benötigt, kann einen hausärztlichen Termin vereinbaren. Gemeinsam lässt sich klären, welche Faktoren bei Ihnen relevant sein könnten und welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Häufige Fragen
Kann ich Stürze im Alter vollständig verhindern?
Nein. Stürze lassen sich nicht vollständig ausschließen. Mehrere individuell passende Maßnahmen können das Risiko aber senken.
Welche Bewegung hilft gegen Stürze?
Evidenz spricht besonders für fortschreitende Programme mit Gleichgewichts- und funktionellen Übungen. Welches Angebot zu Ihnen passt, sollte bei Unsicherheit, nach einem Sturz oder bei relevanten Vorerkrankungen individuell geklärt werden.
Können Medikamente die Ursache sein?
Medikamente können ein möglicher Baustein unter mehreren sein. Sie sollten deshalb nicht selbst abgesetzt oder verändert werden; bei Bedarf kann die Praxis die Medikamentenliste strukturiert prüfen.
Muss ich nach jedem Sturz zum Arzt?
Nicht jeder Sturz erfordert sofort eine Notfallbehandlung. Eine ärztliche Einordnung ist jedoch sinnvoll, wenn Sie sich verletzt haben, der Sturz unklar war, sich Stürze wiederholen oder Sie sich beim Gehen unsicher fühlen. Nach einem Kopfaufprall unter gerinnungshemmenden beziehungsweise blutverdünnenden Medikamenten sollte sofort eine ärztliche oder notfallmedizinische Abklärung erfolgen, auch ohne anfangs ausgeprägte Beschwerden. Bei möglichem Bewusstseinsverlust, starken Schmerzen, neuer Schwäche oder Lähmung, Atemnot, Brustschmerz oder Unfähigkeit aufzustehen organisieren Sie ebenfalls sofort medizinische Hilfe.
Quellen
- Montero-Odasso M et al.: World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative. Age and Ageing. 2022;51(9):afac205.
- NICE: Falls: assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk (NG249).
- Sherrington C et al.: Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019;1:CD012424.


